Ein Gespräch mit Aahuti Rai und Antony Jean-Mertens
Künstliche Intelligenz (KI) und Medizintechnik (MedTech) werfen neue Fragen für medizinische und wissenschaftliche Fachgesellschaften auf. Wie können sie ihre Mitglieder dabei unterstützen, neue Anwendungen einzuschätzen, Menschen aus der Technologieentwicklung mit klinischen Fachpersonen zusammenzubringen und verantwortungsvolle Innovation zu fördern – und dabei ihre wissenschaftliche Glaubwürdigkeit wahren?
Antony Jean-Mertens, Executive Manager von ECTRIMS (European Committee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis) sowie Head of Association Management bei Congrex Switzerland und Innovationsberaterin Aahuti Rai von Four Points Consulting befassen sich mit den Herausforderung der digitalen Transformation im Gesundheitswesen. Im Anschluss an ihren gemeinsamen Vortrag bei den ICCA Future of Healthcare Meetings 2026 Ende September sprachen wir mit beiden über ihre Erkenntnisse für die medizinischen Fachgesellschaften.
Antony berichtet, wie ECTRIMS den Umgang mit KI und innovativen Technologien gestaltet – von der Gründung einer Arbeitsgruppe für Innovation bis hin zu neuen Bildungsangeboten und Kongressformaten. Ergänzend erläutert Aahuti, welche strategischen Fragen, klaren Zuständigkeiten und Leitlinien Fachgesellschaften bei ihren Entscheidungen helfen können. Gemeinsam zeigen sie, wie sich neue Technologien mit klinischem Fachwissen verbinden lassen und wie Kooperationen den wissenschaftlichen Auftrag von Fachgesellschaften unterstützen können.
Transparenzhinweis: Aahuti Rai hat ECTRIMS im Rahmen ihrer Tätigkeit bei Four Points Consulting zur Innovationsstrategie beraten.
Technologie und klinisches Fachwissen verbinden
Congrex: Antony, Sie haben vor zwei Jahren die HLTH Europe in Amsterdam besucht, Europas grösste jährlich stattfindende Konferenz für Innovationen im Gesundheitswesen. Welche Erkenntnisse haben Sie mitgenommen?
Antony: Besonders beeindruckt hat mich die Vielfalt der Menschen vor Ort. Neben Pharmaunternehmen waren auch Gesundheitsministerien, gemeinnützige Organisationen, Technologieunternehmen, Start-ups, Spitäler und regionale Standortförderungsorganisationen vertreten. Ich wusste, dass diese unterschiedlichen Bereiche des Gesundheitswesens existieren, hatte sie aber noch nie alle unter einem Dach erlebt.
Einige Akteure erzählten mir, dass die Veranstaltung zwar interessant sei, sie dort aber nicht mit den Ärztinnen und Ärzten in Kontakt kämen, die ihre Technologien möglicherweise einsetzen würden. Ein Gründer, der an einer Technologie für den Augenbereich arbeitete, hatte noch nie von EURETINA, der European Society of Retina Specialists, gehört, als ich ihm diese als relevante Fachgesellschaft vorschlug. Dieses Gespräch ist mir in Erinnerung geblieben. Manche Unternehmen konzentrierten sich stark auf die Entwicklung ihrer Produkte, hatten aber nur wenige Verbindungen zu den entsprechenden medizinischen Fachgesellschaften. Ich sah eine Chance für Fachgesellschaften, diese Lücke zu schliessen.
Aahuti, welche Rolle können Fachgesellschaften übernehmen, um diese Interessengruppen miteinander zu vernetzen?
Aahuti: Ich sehe die Rolle einer Fachgesellschaft darin, Menschen mit einem klaren wissenschaftlichen Ziel zusammenzubringen, sie für die gemeinsame Arbeit an einer wichtigen Herausforderung im Gesundheitswesen zu gewinnen, statt lediglich mehr Technologieunternehmen zum Kongress zu bringen.
Dabei sollte der Blick über die Jahrestagung hinausgehen und sich auf Bildungsangebote, Fellowships, Forschungsförderung, Leitlinien und berufliche Netzwerke richten. Das ist wichtig, weil ein wertvoller Kontakt, der auf einem Kongress entsteht, anschliessend eine Möglichkeit zur Weiterentwicklung braucht. Ich würde mit einigen wenigen Prioritäten beginnen, die von der wissenschaftlichen Gemeinschaft benannt wurden. Danach würde ich die Menschen zusammenbringen, die es braucht, um diese Themen zu bearbeiten, beispielsweise Ärztinnen und Ärzte, Forschende, Patientinnen und Patienten, Entwicklerinnen und Entwickler, Spitäler, Hochschulen und, wo sinnvoll, Investoren oder öffentliche Institutionen.
Die Rolle definieren und die Grundlagen schaffen
Congrex: Antony, wie hat ECTRIMS aus dieser erkannten Chance eine Strategie entwickelt?
Antony: In unseren Gesprächen mit Aahuti war es zunächst wichtig, die Rolle der Fachgesellschaft zu klären. Wir mussten mit der wissenschaftlichen Leitung darüber sprechen, wie sich ECTRIMS positionieren sollte. Wir wollten nicht den Anspruch erheben, über die gesamte Expertise zur Beurteilung jeder KI-Technologie zu verfügen.
Stattdessen haben wir uns an unsere Fachcommunity gewandt, um Personen zu finden, die uns dabei helfen können, Möglichkeiten zu bewerten und einen Fahrplan zu entwickeln. Wir haben eine Taskforce für Innovation gegründet und Expertise aus einer Gruppe einbezogen, die sich mit KI bei MS beschäftigt. Ziel war es, die wissenschaftliche Kompetenz aufzubauen, um diese Arbeit zu begleiten. Das Sekretariat unterstützt die Koordination, während die wissenschaftliche Leitung die Entscheidungen trifft.
Congrex: Aahuti, was sollten medizinische Fachgesellschaften über ihre Rolle und ihren Auftrag klären, bevor sie entscheiden, wie sie sich mit KI beschäftigen?
Aahuti: Ich würde zunächst definieren, welche Rolle die Fachgesellschaft übernehmen möchte, und dann klären, wie eng jede einzelne Aktivität mit ihrem Kernauftrag verbunden ist. Fachgesellschaften haben ihre Glaubwürdigkeit über viele Jahre aufgebaut. Entscheidend ist deshalb die Frage, wie KI diesen Auftrag unterstützen, ihre Arbeit stärken oder ihren Mitgliedern helfen kann.
KI intern einzusetzen, Mitglieder im Umgang damit weiterzubilden, Diskussionen über Technologien zu ermöglichen oder eine klinische Lösung zu empfehlen, sind sehr unterschiedliche Aktivitäten. Sie erfordern unterschiedliche Prüf- und Freigabeprozesse. Es sollte auch deutlich werden, wie umfassend Sicherheit und Verlässlichkeit jeweils geprüft wurden. Diese Unterschiede müssen klar sein, bevor eine Fachgesellschaft entscheidet, was sie anbieten oder unterstützen möchte.
Congrex: Aahuti, welche Grundlagen für eine verantwortungsvolle Governance würden Sie empfehlen?
Aahuti: Ich würde einen klaren Auftrag und eindeutige Verantwortlichkeiten festlegen, bevor die Fachgesellschaft ein eigenes Angebot entwickelt oder eine Technologiepartnerschaft eingeht. Andernfalls können sich kommerzielle Aktivitäten schneller entwickeln als die Fähigkeit der Fachgesellschaft, das zu bewerten, was sie unterstützt. Ich würde eine kleine, multidisziplinäre Gruppe mit einem definierten Aufgabenbereich und einer klaren Berichtslinie zur Leitung empfehlen. Sie sollte wissenschaftliche und klinische Expertise, Digital- und Datenkompetenz sowie Erfahrung in Bildung und operativer Umsetzung vereinen und Zugang zu rechtlicher und regulatorischer Beratung haben. Die Perspektiven von Patientinnen und Patienten sollten einbezogen werden, wenn die Arbeit Auswirkungen auf die Versorgung oder auf Informationen für Betroffene haben könnte. Ich würde mit einer begrenzten Zahl klar definierter Aktivitäten beginnen, daraus lernen und den Rahmen mit zunehmender Erfahrung weiterentwickeln.
Die Strategie in die Praxis umsetzen
Congrex: Antony, in welchen Bereichen von ECTRIMS beschäftigen Sie sich mit dem Einsatz von KI ?
Antony: Unser Ansatz soll darüber hinausgehen, auf dem Kongress über KI zu sprechen. Wir prüfen, wie sie unsere Bildungsangebote und unsere Arbeitsweise unterstützen könnte. Ein Schwerpunkt sind Kongressinhalte zum praktischen klinischen Einsatz: Wie sieht gute Praxis aus? Wo liegen die Grenzen? Und was müssen Fachpersonen verstehen, bevor sie diese Werkzeuge nutzen? Dafür haben wir eigene Themenstränge im Kongressprogramm auf den Weg gebracht, beginnend mit MSToronto und Wien 2027.
Wir integrieren KI auch in unsere neue Zertifizierungsplattform. Wenn sich Mitglieder anmelden, erkennt die Plattform ihren fachlichen Hintergrund, erfasst ihren bisherigen Lernverlauf und empfiehlt passende Lernmodule für den Erwerb der Zertifizierung. Ein weiterer Bereich ist die Entwicklung klinischer Leitlinien. Hier untersucht das Komitee aktiv, wie KI die Erstellung von Leitlinien beschleunigen kann, um Zeit und Ressourcen zu sparen.
Congrex: Aahuti, wo schafft KI bereits heute einen konkreten Nutzen im Gesundheitswesen und in wissenschaftlichen Gemeinschaften?
Aahuti: Der deutlichste Nutzen zeigt sich häufig bei einer bestimmten Aufgabe, wenn sich der Zeitaufwand verringert, Fachpersonen komplexe Informationen besser bearbeiten können oder ein Prozess einheitlicher wird. Die Planung einer Strahlentherapie ist ein gutes Beispiel. KI kann helfen, Strukturen auf medizinischen Aufnahmen zu konturieren und dadurch einen Teil der Vorbereitungsarbeit reduzieren. Eine entsprechend ausgebildete medizinische Fachperson überprüft das Ergebnis und korrigiert es bei Bedarf. KI unterstützt also die fachliche Expertise, statt sie zu ersetzen. Daraus ergibt sich eine sinnvolle Frage zur Bewertung ihres Nutzens: Spart sie Zeit, ohne Qualität oder Sicherheit zu beeinträchtigen?
Bei Fachgesellschaften würde ich besonders auf Bildung und den Zugang zu Wissen schauen. Kongressinhalte, Bildungsressourcen, Forschungsnetzwerke und Fachcommunities sind wertvolle Grundlagen. KI könnte helfen, dieses Wissen so miteinander zu verknüpfen, dass neue wissenschaftliche Fragestellungen entstehen. Eine Fachgesellschaft könnte beispielsweise untersuchen, wie sich mit KI neue Muster oder offene Fragen in veröffentlichten Forschungsarbeiten und Kongressabstracts erkennen lassen. Anschliessend könnte sie Forschende zusammenbringen, um neue Hypothesen zu entwickeln und zu überprüfen. Jede durch KI gewonnene Erkenntnis müsste auf die zugrunde liegende Evidenz zurückführbar sein und als Ausgangspunkt für Forschung behandelt werden, nicht als wissenschaftliche Schlussfolgerung.
KI sollte reale Bedürfnisse adressieren. Wir sollten aber auch fragen, was sie ermöglicht, das wir bisher noch gar nicht in Betracht gezogen haben. Es geht darum, den praktischen Nutzen im Blick zu behalten, ohne uns auf die Verbesserung bestehender Prozesse zu beschränken.
Kongressformate mit wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit gestalten
Congrex: Antony, welche Kongressformate entwickeln Sie für Wien 2027?
Antony:Wir planen eine Innovationssession, in der ausgewählte Start-ups und weitere Akteure Technologien vorstellen können, die für MS relevant sind. Vorgesehen sind kurze Präsentationen und die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Eine Jury soll wissenschaftliche Expertise, Patientenperspektiven und relevante KI-Kompetenz zusammenbringen.
Ausserdem entwickeln wir das Konzept eines TechTRIMS Village, das Fachleute aus dem Gesundheits- und Technologiebereich der Gastgeberstadt mit den Kongressteilnehmenden zusammenbringen soll. Auch frühere und künftige Gastgeberstädte möchten wir einbeziehen. So wollen wir Verbindungen schaffen, die über einzelne Kongresse hinaus bestehen bleiben.
Das Zusammenbringen dieser Gemeinschaften muss auch durch wissenschaftliche Inhalte zu KI in der Forschung und Patientenversorgung begleitet werden. Das Programm sollte den Teilnehmenden helfen, die vorgestellten Technologien zu verstehen.
Congrex: Aahuti, wie können Fachgesellschaften ihre Glaubwürdigkeit schützen, wenn sie neue Technologien präsentieren?
Aahuti: Entscheidend ist, zwischen dem Vorstellen einer Technologie und einer Empfehlung zu unterscheiden. Eine Fachgesellschaft sollte Technologien zur Diskussion stellen können, ohne den Eindruck zu erwecken, dass alles auf ihrer Bühne bereits validiert oder für den klinischen Einsatz bereit ist.
Ich würde den Entwicklungsstand jeder Lösung deutlich machen. Handelt es sich um ein frühes Forschungskonzept, einen Prototyp, ein Produkt, das gerade evaluiert wird, oder eine Lösung, für die Evidenz in einem klar definierten Anwendungskontext vorliegt? Anschliessend würde ich einheitliche Fragen zum vorgesehenen Einsatz, zur Qualität der Evidenz, zu den untersuchten Bevölkerungsgruppen, zu den Grenzen und zu den Voraussetzungen für die Umsetzung stellen
Für eine Initiative wie das TechTrims Village würde ich empfehlen, die Teilnahme an relevanten klinischen oder wissenschaftlichen Herausforderungen auszurichten, statt lediglich daran, wer sich eine Ausstellungsfläche leisten kann. Jede Demonstration sollte erklären, was die Technologie leistet, was bereits nachgewiesen wurde, was noch unklar ist und welche nächsten Schritte erforderlich sind. Sponsoring darf keine wissenschaftliche Anerkennung erkaufen. Die wissenschaftliche Auswahl sollte bei unabhängigen Gutachterinnen und Gutachtern liegen, kommerzielle Beziehungen sollten offengelegt werden, und Ärztinnen, Ärzte sowie Forschende sollten die Möglichkeit haben, Aussagen kritisch zu hinterfragen.
Dauerhafte Verbindungen schaffen und Fortschritte bewerten
Congrex: Antony, welches übergeordnete Ziel verfolgen Sie mit dieser Strategie?
Antony: Wir möchten unsere klinische und wissenschaftliche Gemeinschaft mit Menschen aus dem Bereich Digital Health verbinden. Dazu gehören Softwareentwicklerinnen und -entwickler, Datenwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sowie Gründerinnen und Gründer von Gesundheitstechnologieunternehmen, die ECTRIMS bisher möglicherweise noch nicht kannte.
Für Kongressdestinationen ergibt sich ausserdem die Möglichkeit, ihre Hochschulen, Forschungszentren und relevanten Unternehmen einer internationalen Fachcommunity vorzustellen. Wenn diese Beziehungen von einem Kongress zum nächsten bestehen bleiben, können wir ein Netzwerk aufbauen, das mit der Zeit wächst.
Dafür braucht es Koordination, Ressourcen und Zeit. Wir müssen das Konzept erklären, passende Partner finden und die Teilnahme zugänglich gestalten. Unser Ziel ist es, Verbindungen zu schaffen, die dem Auftrag der Fachgesellschaft dienen und über die Veranstaltung hinaus wertvoll bleiben.
Congrex: Aahuti, woran können Fachgesellschaften erkennen, ob ihr Ansatz im Umgang mit KI ihren Mitgliedern zugutekommt?
Aahuti: Ich würde daran messen, ob die Fachgesellschaft ihre Gemeinschaft besser dabei unterstützt, fundierte Entscheidungen zu treffen, und nicht unbedingt daran, ob sie mehr KI-Sessions, Aussteller oder Partnerschaften hat.
Für mich wäre es in Erfolg, in drei bis fünf Jahren eine kompetentere Fachcommunity zu haben, eine kleine Zahl glaubwürdiger Kooperationen und ein wiederholbarer Ansatz zur Bewertung neuer Technologien. Auch die Entscheidung, eine Lösung mit schwacher Evidenz nicht weiterzuverfolgen, sollte als gutes Ergebnis gelten. Das Ziel sollte nicht sein, als die Fachgesellschaft mit der grössten Begeisterung für KI wahrgenommen zu werden. Es geht darum, das Vertrauen der Gemeinschaft zu gewinnen, sie dabei zu unterstützen, zwischen dem zu unterscheiden, was nützlich ist, was weitere Arbeit braucht und was noch nicht eingesetzt werden könnte.
Transparenzhinweis: Aahuti Rai hat ECTRIMS im Rahmen ihrer Tätigkeit bei Four Points Consulting zur Innovationsstrategie beraten.




